Auf der Suche nach der Berufung

Die Berufung. Eine seltsame Sache! Manche suchen verzweifelt nach ihr, andere werden von ihr verfolgt. Berufung – was ist das überhaupt?

„Deine wirklich wahre Bestimmung“ sagt mir mein spiritueller Ratgeber. „Mein Beruf“ findet eine Kollegin. „Der Kram, der dir immer hinterherläuft und den du offensichtlich magisch anziehst, ob du willst oder nicht!“ seufzt der Kassenwart meines Vereins.

„Finde deine Berufung!“ fordern mich Seminare und Glückscoaches auf und setzen hinzu: „Folge deiner Mission!“. Offenbar wird alles gut, wenn man seine Berufung erst einmal gefunden hat.

Doch wie findet man die Berufung nun? Oder – findet sie mich? Und was, wenn ich gar nicht berufen bin? Gibt es Menschen ohne Berufung? Oder sind sogar nur die wenigsten berufen? Und woher weiß ich, ob ich berufen bin? Und wenn ja: Wozu?

Das spannende an diesem Begriff sind seine zwei Seiten: Berufung kann einen „Ruf“ von Außen meinen. Menschen, die als geeignet erscheinen, werden in ein Amt gerufen. Man traut ihnen was zu, man beruft sie als kompetente Kräfte, die eine Sache voranbringen oder eine Aufgabe wahrnehmen sollen. Mein Kassenwart ist so ein Typ.

Manchmal trifft so ein Ruf nicht auf große Gegenliebe: Die Berufung zum Wahlhelfer oder zum Schöffen ist ein Ehrenamt, das nicht immer große Begeisterung auslöst. Und hier bemerken wir, dass in dem Wort „Berufung“ zwei ziemlich gegenläufige Dinge mitschwingen: Einerseits gilt die Berufung als Ehre, andererseits aber auch als Verpflichtung.

Doch das kann nicht gemeint sein, wenn jemand „seine“ Berufung sucht. Wikipedia hilft weiter: „Unter Berufung im religiös-spirituellen Sinn wird das Vernehmen/Verspüren einer inneren Stimme verstanden, die einen zu einer bestimmten Lebensaufgabe drängt.“ heißt es da. Aha! Das klingt doch schon mehr nach der Berufung, die ich offenbar finden soll und die so viele offenbar verzweifelt suchen.

Aber wieso suchen die Menschen etwas, zu dem die innere Stimme sie drängt?

Hindernisse auf dem Weg zur Berufung

1) Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht!

Kennt ihr diese Leute, die verzweifelt nach ihrer Brille suchen, obwohl die doch dekorativ im Haar steckt?? Jeder andere aber sieht diese Brille ganz deutlich! Wenn du deine Berufung nicht findest, dann kann es sein, dass sie dir einfach zu selbstverständlich geworden ist!

Weil wir glauben, dass Berufung eine BESONDERE Aufgabe im Leben sein müsse, uns aber unsere eigenen Gaben und Talente gar nicht besonders erscheinen, sind wir einfach blind für unsere Berufung!

Tipp: Frage einfach mal deine Freunde und Bekannten, wofür sie dich besonders lieben. Was sie am meisten an dir schätzen! Viele Menschen mit denen ich arbeite sind überrascht von dem was andere an ihnen als „besonders“ empfinden. Denn ihre Neigung, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, ihre Leidenschaft für Sport, ihre Liebe zur Musik, ihr Talent zum Reden oder ihr Verständnis für Zahlen – das ist den Menschen schlicht zu selbstverständlich. Oft fragt man mich dann ganz verblüfft: „Kann das nicht jeder?“

2) Wir haben verlernt auf unsere innere Stimme zu hören!

Wir sind geprägt von der Welt in der wir leben: Unsere übernommenen Wertvorstellungen passen vielleicht nicht mit dem zusammen, was unsere innere Stimme uns sagt. Ich zum Beispiel bin in einem sehr weltlichen und diesseitigen Umfeld aufgewachsen. Es fällt mir noch heute schwer, offen über meine spirituellen Überzeugungen zu sprechen und diese selbstbewusst und selbstverständlich zu leben. Und das obgleich ich zwei Studiengänge in dem Bereich erfolgreich absolviert habe und somit eigentlich „Fachfrau“ für religiös-spirituelle Themen bin!
Meiner inneren Stimme steht ein Anspruch an wissenschaftliche Professionalität und die Überzeugung der postmodernen Gesellschaft entgegen, dass die eigene Religiosität Privatsache sei.

Wenn wir von Werten und Überzeugungen unser Umwelt stark geprägt sind, dann ist es manchmal schwer die leise Stimme im Inneren überhaupt zu hören.

Tipp: Wechsle doch einfach mal das Umfeld! Fahre in Urlaub, auf ein Seminar oder fange ein neues Hobby an, das nichts mit deinem sonstigen Bekanntenkreis zu tun hat – und lasse dein altes Ich zu Hause. In einer anderen Umgebung können wir uns neu erfinden – und der leisen Stimme Raum geben sich auszuprobieren.

3) Wir wollen unsere Berufung nicht sehen!

Die Wikipedia-Definition erwähnt noch einen interessanten Aspekt: Die Berufung „drängt“ uns zur Verwirklichung einer Lebensaufgabe. Aber manchmal ist das, wozu wir uns berufen fühlen, verdammt unbequem! Ob es um den Dienst am Menschen, die Verteidigung und Verbreitung von Werten oder die Rettung von irgendwas geht: Eine Berufung kann einem schon Angst machen!

Die Aufgabe scheint so hoch wie ein Berg und kaum zu bewältigen! Die Risiken und Gefahren für das Leben, wie ich es bis jetzt geführt habe, und die Gewohnheiten die mir lieb sind, sind nicht von der Hand zu weisen. Wer seiner Berufung folgen will, der wird etwas verändern, der muss etwas verändern – und da spielt das Ego oft nicht mit. Die Lösung haben uns schon die biblischen Propheten vorgemacht: Verdrängen, Verleugnen, Wegrennen. (Dass das nicht viel bringt und einen letztendlich unglücklich macht, zeigen aber die Autoren der Bibel auch schon auf.)

Berufung hat immer etwas damit zu tun, leidenschaftlich und irgendwie auch kompromisslos für das einzustehen, was man als richtig erkannt hat. Das Meiden dieser Erkenntnis ist daher eine beliebte Strategie, um die damit verbundenen Herausforderungen zu umgehen.

Tipp: Okay – die Stimme in dir mag dazu drängen die Welt zu verändern – aber auch kleine Schritte SIND bereits eine „Veränderung“. Niemand verlangt von dir, die ganze Welt zu retten. (Zumindest nicht sofort ;-)) Und die Erfahrung lehrt: Wenn du dich entscheidest deine Berufung anzunehmen, dann bekommst du auch Unterstützung. Weil du mit dir selbst im Einklang bist. Weil dein Umfeld sich deinem Weg anpassen wird. Weil die Zufriedenheit dir Kraft gibt und du in einen „Flow“ gerätst, wenn dein Handeln stimmig ist und deiner inneren Überzeugung entspricht.

Folgst du deiner Berufung – oder verfolgt sie dich?

An und für sich bräuchten wir unsere Berufung gar nicht suchen, denn sie läuft eh ständig neben uns her. Manchmal piesackt sie uns penetrant, weil wir sie nicht sehen wollen, manchmal macht sie sich unsichtbar und entzieht sich beharrlich unserer Erkenntnis – aber sie ist immer da.

Und ja: JEDER hat eine Berufung. Denn die Berufung ist nichts anderes als unsere innerste Überzeugung von dem was wir für gut und richtig halten oder was wir für wichtig und wertvoll erachten. Unsere Berufung spiegelt sich in unseren Talenten, unseren Wünschen und unseren Sehnsüchten. Sie liegt eigentlich ganz nahe!

Die Berufung ist die die Antwort auf die Frage „Was willst du wirklich?“ deines besten Freundes.
Du kommst ihr auf die Spur, wenn du dich fragst: „Wann bin ich wirklich glücklich und im tiefsten Inneren zufrieden?“. Oder als Coach formuliert: „Wenn du morgen aufwachen würdest und deine Welt wie durch ein Wunder plötzlich perfekt wäre: Wie würdest du leben wollen? Welche Hindernisse wären beseitigt? Welcher Leidenschaft würdest du dein Leben widmen?“

Ist es wirklich so simpel? Ja. Ist es! Nur unsere eigenen Ängste, die Konventionen unserer Gesellschaft und unser vertrauter Alltag stehen dem entgegen. Und das Gefühl der Berufung „folgen“ zu müssen – denn das würde ja implizieren, dass wir uns selbst zurückstellen müssten.

Das Gegenteil ist wahr! Die Berufung bedeutet, dass wir unser SELBST voranstellen. Das erfordert Mut. Aber es macht glücklich.