Ideenhelden

Mosaik oder Statue?

Identitätssuche als Ideenheld

Als ich 1994 mein Abitur machte, gab es noch keine Ideenhelden. Wer mit 18 Jahren noch kein klares Berufsziel hatte, gehörte zu den „Unentschlossenen“: Jenen, die schlicht nicht wussten, was sie wollten. Es war eine defizitorientierte Sicht auf die Dinge; niemand sah darin Potenzial, Vielbegabung – oder gar einen Sinn. Wir selbst am allerwenigsten!

Wenn Du dieses Gefühl von „Unbestimmtheit“ kennst, wenn die Vielfalt der Möglichkeiten Dich ganz schön fordert und Du 1000 Ideen und Fähigkeiten hast, möchte ich Dir eines sagen: Keine Panik! Die Identitätsentwicklung von Ideenhelden verläuft völlig anders, als die von Menschen mit eindeutigen Begabungen und Interessen. Und das ist gut so. Wenn mir das früher bewusst gewesen wäre, hätte ich vielleicht gelassener sein können, in den Jahren in denen ich einen Sinn in meinem Leben gesucht habe.

Wenn Du dagegen selbst Deine Identität und Bestimmung gefunden hast, bin ich neugierig, ob es Dir ähnlich ging wie mir? Vielleicht lassen sich Parallelen und Gemeinsamkeiten feststellen, in der Art und Weise, wie Ideenhelden sich selbst finden?

Wo immer Du stehst in deinem Leben: Ich möchte Dich einladen zu einer Zeitreise und Dir berichten, wie es mir ergangen ist. Am Ende des Artikels werde ich erläutern, weshalb ich daran glaube, dass die Welt uns „Unbestimmte“ braucht. Wieso bereits unser „Ideenheldentum“ ein Stück Bestimmung beinhaltet. Und zum Schluss möchte ich Dir eine Übung vorstellen, die helfen kann, mehr Klarheit über Deinen Weg zu gewinnen. Also wenn Du magst: Folge mir in meine Vergangenheit!

Ideen und Schule: Zwei Welten treffen aufeinander …

Ich ging gern zur Schule, denn ich war neugierig auf alles! Ich diskutierte leidenschaftlich gern und fragte hartnäckig nach dem „Warum“. Aber für neugierige Fragen, kreatives Denken, tiefergehendes Forschen und gar interdisziplinäre Ansätze gab es leider keinen Raum im Unterrichtsablauf. Mein Lernweg war methodisch nicht vorgesehen:„Du sollst nicht selbst denken – du sollst NACHdenken.“. Das war mir zu wenig!

So widmete ich mich außerschulischen Projekten in denen ich entdecken und gestalten konnte. Theater-AG, Schülerrat, Pfadfindergruppe und Schülerzeitung wurden mir wichtiger als das Wissen, das in den Fächern gepaukt wurde. Nebenbei las mich durch die komplette Schulbibliothek, schrieb Gedichte und philosophierte mit Gleichgesinnten über Gott, die Welt und den Sinn des Lebens.

1994 hatte ich neben meinem Abitur auch Zeugnisse als Gruppenleiterin, Babysitter und Organisatorin von Jugendfreizeiten vorzuweisen. Einen Sommer hatte ich als Zimmermädchen gejobbt, in den Ferien halb Europa bereist, mein Taschengeld in einer Wäscherei verdient, Praktika im Reisebüro gemacht und als Briefzustellerin gearbeitet. Meine Leistungen waren in fast allen Schulfächern ganz gut und ich hatte 1000 Träume und Ideen. Nur keine Antwort auf die Frage: „Was willst du werden?“.

Wo bitte wartet meine Berufung?

Irgendwie hatte ich immer angenommen, dass sich mir eines Tages offenbaren würde, welchen Beruf ich ergreifen sollte und wo mein Platz in der Welt war. Mein Elternhaus war wenig religiös geprägt, aber ich glaubte daran, dass es einen „Plan“ gibt. Ein Schöpfergeist, ein wohlwollendes Universum – einen Sinn hinter allem. Doch der Blitz der Erkenntnis ließ auf sich warten ….

Ideen hatte ich viele: Ich wollte Pädagogik, Philosophie, Psychologie und Journalismus studieren. Am liebsten gleichzeitig.Oder doch lieber Lehramt? Sozialarbeit und die ganze Reise-Branche klangen auch interessant. Ich wollte die Welt verändern, Menschen helfen, Weisheit erlangen, eine Familie haben. Lernen. Forschen. Verstehen. Verändern. Ich war ein praktischer Mensch – und liebte dennoch die Theorie, die Wissenschaft. Ein Leben war einfach zu wenig! Wie sollte ich mich entscheiden??
„Hauptsache du wirst glücklich!“ fand meine Mama. Aber womit würde ich glücklich werden?? Kurzerhand verschob ich die Berufswahl und machte erstmal ein FSJ im Wohnheim für Behinderte und chronisch Kranke. Die Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Lebens brachte mich menschlich weiter – half aber nur bedingt bei der Berufswahl.

In begleitenden Seminaren hatten wir die Gelegenheit unsere Erfahrungen zu reflektieren und an uns selbst zu arbeiten. In mir wuchs ein diffuses Gefühl: Ich wollte keine Teilnehmerin sein – so etwas wollte ich leiten!
Kurz darauf fand ich mich auf einer Werbe-Veranstaltung der Kirche für den Beruf der Gemeinde-Diakonin wieder. Konnte es sein, dass ich hier richtig war? Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen war mir vertraut, Seelsorge faszinierte mich und soziale Arbeit war mir ein Anliegen. Organisieren und Veranstalten – das war mein Ding. Und ebenso wie ich auf der Suche nach meinem Beruf war, so war ich auch auf einer spirituellen Suche. Den Ausschlag aber gaben die Inhalte des Studiengangs:  Sie waren so vielseitig wie die Herausforderungen der Gemeindearbeit: Pädagogik, Psychologie und Philosophie gehörten ebenso dazu wie Methodik, Theologie und vieles mehr. Ein Traum: Alle meine Interessen in einem Studiengang!

Kern der Ausbildung war aber die „exemplarische Lerngruppe“ in der wir unser theoretisches Wissen über Kommunikation, Gruppenleitung, Gesprächsführung und Seelsorge ausprobieren und einüben konnten. Erfahrene Kollegen unterwiesen uns in der Kunst der „Klientenzentrierten Gesprächsführung“ und des „Aktiven Zuhörens“. Wir machten Praktika in Gemeinden und Schulen und hatte ein überreiches Angebot von vielfältigen Seminaren. Es war eine großartige Zeit des Lernens.

Berufsjahre

Es folgten einige Berufsjahre im kirchlichen Dienst. Die Arbeit machte mir Freude – doch mein Bedürfnis nach spiritueller Freiheit, mein Hang alles zu hinterfragen – das machte es schwer, innerhalb dieser Institution zu arbeiten. So wechselte ich zu einer Einrichtung, die Schulen für behinderte Kinder in Südostasien finanzierte.

Plötzlich war ich Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und fand ich mich in den Slums von Manila wieder. Ich begleitete Sozialarbeiter und Lehrer, machte Fotos und schrieb Reportagen über die Familien der Behinderten. Indonesien, die Philippinen, Hongkong – meine Begleiter führten mich in die hintersten Ecken und zeigten mir die ungeschönte Wirklichkeit ihres Landes. Erstmals begegnete ich echter Armut und wirklicher Not.

Im Studium hatten wir gelernt mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden. Man hatte uns beigebracht Menschen so anzunehmen wie sie sind und nicht zu urteilen. Auf meinen Reisen mit den Pfadfindern und in dem Heim für Behinderte hatte ich viel gesehen – dies alles wurde hier auf die Probe gestellt.

Meine Eindrücke vermittelte ich unseren Spendern in Vorträgen und Artikeln: Die Stunden in der Theater-AG, das Sprechtraining im Studium, die Schülerzeitung kamen mir jetzt zu Gute!  War das nun meine Bestimmung? Der Sinn hinter meinen vielfältigen Interessen? Leider war mein Vertrag nur befristet und so musste ich weiterziehen.

Mit Baby an der Uni

Inzwischen war ich verheiratet und schwanger. An eine neue Stelle war daher nicht zu denken, aber zu Hause langweilte ich mich entsetzlich. Also schrieb ich mich nochmal an der Uni ein.

Mit Kinderwagen und Wickeltasche verbrachte ich glückliche Jahre in Hörsaal und Bibliothek: Aus einem bloßen Zeitvertreib wurde ein ernstzunehmendes Studium: Frei von der Notwendigkeit einen Abschluss zu machen, konnte ich den Dingen, die mich beschäftigten, auf den Grund gehen.

Im Berufsleben hatte ich einiges an Leid gesehen. Ich hatte bemerkt, dass es in keinem klaren Verhältnis zum Frohsinn der Menschen stand, die es getroffen hatte. Im Gegenteil: Menschen, mit denen es das Schicksal gut meinte, wirkten oft gelangweilt, unzufrieden und unglücklich. Dagegen gab es Leute, denen das Leben wirklich übel mitgespielt hatte, die aber dennoch zufrieden und fröhlich die Herausforderungen bewältigten, die vor ihnen lagen. Im Studium fand ich eine Antwort in den Forschungen zu Resilienz und Salutogenese.

Schicksalsjahre

Im Jahr 2008 traf mich das Schicksal selbst mit voller Wucht: Meine zweite Tochter wurde mit dem Down Syndrom geboren! Es riss uns den Boden unter den Füßen weg. Was immer ich über Bewältigungsstrategien und Seelische Widerstandskraft theoretisch gelernt hatte: Auf die Erfahrung ein behindertes Kind zu haben, war ich nicht vorbereitet.

Drei Jahre widmete ich mich meiner Familie. Wir bewältigten die Situation, ich arbeitete auf Honorarbasis als Pädagogin und Dozentin, bekam ein drittes Kind und vergrub mich schließlich doch noch in eine Forschungsarbeit über Identitätsentwicklung. Trotz langer Auszeit bestand ich mein Studium mit Auszeichnung … und hatte immer noch keinen neuen Beruf.

 

Patchwork-Biographie …

Mein vielfältiges Wissen, die verschiedensten Fortbildungen und meine bunte Lebenserfahrung – das erschien wie ein Sammelsurium unzusammenhängender Ereignisse. Ich hatte eine Berufs- und Bildungsbiographie, die einem Flickenteppich glich.

Ende 2012 betrachtete ich mich als ganz und gar nicht „erfolgreich“: Ich hatte zwei abgeschlossenen Studiengänge,  ein turbulentes Familienleben und bewältigte die Herausforderungen, die die Behinderung meiner Tochter mit sich brachte. Dennoch war ich immer noch ratlos, was denn nun der Sinn meines Lebens sein sollte und fühlte mich verloren in einer Welt in der Gleichaltrige längst Karriere gemacht hatten …

 

Wie ein Wunder …

Im Verlaufe meine Unizeit war „Coaching“ in Deutschland bekannt geworden. In Psychologie-Seminaren hatte ich mich damit beschäftigt und die neuen Tools in meinen Honoraraufträgen erprobt. Das meiste aber, war für mich altvertraut: Viele Methoden basierten auf dem, was ich in meiner Ausbildung zur Diakonin von Grund auf gelernt und in Fortbildungen und Berufsleben ständig genutzt und verfeinert hatte.

Ich nahm selbst ein Coaching bei einem renommierten Top-Coach in Anspruch und begriff: Coaching war Lebensberatung, Seelsorge und Begleitung von Menschen auf hohem Niveau. Ganz ohne Kirche, ohne Dogmatik und völlig an den Interessen des Klienten orientiert. Davon hatte ich immer geträumt!

Der Begriff „Coach“ fasste alles zusammen, was ich seit jeher getan hatte: Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten, sie bei ihren Projekten unterstützen und ihnen in Lebenskrisen beizustehen! Und man brauchte dafür genau das Wissen, was ich in all‘ den Jahren so scheinbar „ziellos“ erworben hatte. Endlich fügten sich alle Teile meines Lebens zu einem sinnvollen Bild zusammen:  Nach 20 Jahren hatte ich endlich meinen Traum-Beruf –  mehr noch: meine Berufung-  gefunden! Einen Beruf, den es 20 Jahre zuvor noch gar nicht gegeben hatte.

Alles hatte seinen Sinn …

Im Lauf der Zeit stellte sich heraus, dass ich besonders gut darin war, Knoten im Kopf zu lösen und Veränderungsprozesse zu begleiten. Entscheidungscoaching wurde ein wesentlicher Bestandteil meiner Tätigkeit; Persönlichkeitsbildung das zweite Standbein.
Alles fügt sich zu einem Bild und jedes Steinchen meines Lebens findet seinen Platz: Heute ist mir bewusst, welch‘ ein Schatz in meiner kirchlichen Ausbildung zu sehen ist. Was andere sich heute in einer nebenberuflichen Ausbildung aneignen müssen, habe ich quasi am Anfang meines Berufslebens in einem 3jährigen Vollzeit-Studium erarbeiten dürfen.

Meine Zeit als Öffentlichkeitsreferentin hat mir eine unglaubliche Souveränität als Rednerin beschert. Die Vielfalt von Jobs, Reisen und Nebentätigkeiten schenkten mir Einblick in unterschiedlichste Lebenswelten.

Meine Interessen hatten mich im Studium zu Themen wie Kommunikation, Identität, Resilienz, Beheimatung und Copingstrategien geführt – alles Wissen, das ich heute als Coach für Privatleben und Beruf täglich nutze! Was ich nicht mehr geglaubt hatte, ist passiert: Alles hat sich gefügt.

Im Nachhinein erstaunt mich vor allem eines: Niemand hätte voraussehen können, dass ich ein behindertes Kind haben würde! Wie zufällig war ich im Beruf schon intensiv mit Behinderten in Berührung gekommen und hatte mich im Studium mit entsprechenden Themen beschäftigt.

Aufgrund meiner eigenen Geschichte wurde die Begleitung von Eltern behinderter Kinder und Menschen in Krisen zu einem Spezialgebiet, das mir besonders am Herzen liegt. Inzwischen gebe ich regelmäßig Seminare in Selbsthilfegruppe für Eltern behinderter Kinder. Als Coach unterstütze ich diese Familien bei der Bewältigung der besonderen Herausforderungen ihres Lebens. Das könnte ich nicht, wenn irgendwas in meiner Biographie anders gelaufen wäre.

Mosaik oder Statue?

Inzwischen weiß ich: Ideenhelden entwickeln sich anders als Spezialisten. Während die einen eine Leidenschaft für ein Thema haben und dieses immer intensiver durchdringen wollen, lassen Ideenhelden sich von ihren Interessen und ihrer Inspiration führen. Und das ist gut so!

Manchmal blicken wir mit Neid auf diese Leute, die genau wissen, was sie wollen und wer sie sind. Diese Menschen ähneln Statuen: Großartig, präsent und eindeutig. Sie sind wie gemacht für ihre Aufgaben und kennen ihren Platz im Leben.

Wir Ideenhelden aber passen überall hin. Unser Wissen und unsere Erfahrungen gleichen 1000 Steinchen. Manchmal stehen wir ratlos davor und denken: Was soll ich damit? Wo ist da der Sinn?

Unsere Erfahrungen und unser Wissen erscheinen vielleicht zufällig – aber sie sind ein unerschöpfliches Potential aus dem wir tausend Mosaike legen können! Wir sind keine großartigen Statuen – aber uns ist es gegeben, aus unseren vielfältigen Interessen und durchwachsenen Biographien neue Bilder zu legen. Gerade die „Unbestimmtheit“ ist unsere Chance, denn wir können werden, was wir sein wollen!

Das Geheimnis ist: Die Steine WERDEN zusammenpassen. Schlicht, weil die Bruchteile unserer Biographien aus Dingen bestehen, die uns seit jeher interessiert und fasziniert haben. Wir müssen nur ein Stück zurücktreten, die Steine betrachten, polieren und neu zusammensetzen.

Die Wichtigsten von meinen Mosaiksteinen habe ich jahrelang ignoriert, weil ich sie für selbstverständlich hielt. Erst als ich realisierte, dass diese Steine ins Zentrum meines Lebens gehören, wurde alles ganz einfach.

Das ging aber erst, als ich aufhörte irgendwohin passen zu wollen und den Mut fand, meine eigene Identität zu entwickeln. Heute weiß ich: Berufung ist für Ideenhelden nichts, was uns von Außen ereilt – sie liegt verborgen in unserem Inneren. In dem, was uns fasziniert, was wir mit Leidenschaft tun und was uns begeistert.

Das Universum braucht Menschen wie Dich und mich. Zwischen all den Fachleuten und Spezialisten werden Generalisten gebraucht, die sie verbinden und die etwas werden können, was es noch nicht gibt. Menschen, die unbestimmt sind – und ihr Schicksal selbst wählen. Deswegen ist es zwar manchmal schwierig – aber irgendwie auch unsere Berufung – Ideenhelden zu sein!

 

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Ideenhelden-Blogparade #lebensdurstigeideenhelden von Diana Grabowski (www.ideenhelden.com) und Yasemin Akdemir (www.lebensdurstig.de), die sich einen Monat lang den Themen Vielbegabung, Vielseitigkeit und Scannerpersönlichkeit widmet. Jeden Tag gibt’s dazu spannende Blogartikel, Videos und Podcasts. Hier findest du auch noch eine Übersicht über alle Artikel der Parade.

Gestern gab es zum Beispiel den Beitrag von Marion Feuchter  zum Thema „Klarheit auf allen Ebenen — kraftvoll im Tun für Ideenhelden“. Morgen geht es weiter mit dem Beitrag von Simone Weissenbach zum Thema „So bleibst du dran, wenn du deinen Onlinekurs erstellst“, Ans Herz legen möchte ich euch auch die Beiträge von Cindy Pfitzmann („Entlarvt – 5 Ausreden, die dich abhalten, dein eigenes Online Business zu starten!“)  und Angelika Buchmayer (“Vielbegabt. Berufen – Wo Du mit Deiner Suche nach der Berufung am besten beginnst”).