Mit Kindern über Attentate sprechen …

„Marion – was sagst Du Deinen Kindern über Paris?“ werde ich heute morgen per SMS gefragt. Das kommt nicht unerwartet : Man sollte meinen, dass ich bei meinem Hintergrund bestens gerüstet wäre, meinen Kindern die Anschläge in Paris vom 13.November 2015 zu erklären.

Als Coach fällt es mir normalerweise leicht die richtigen Worte und treffende Vergleiche zu finden. Als Religionspädagogin gehört Seelsorge zu meinem Handwerkszeug und kindgerechtes Erklären ist ebenso ein wesentlicher Bestandteil (sozial-)pädagogischer Arbeit. Und nicht zuletzt kann man von einer Religionswissenschaftlerin durchaus erwarten solche Ereignisse korrekt einordnen zu können.

ABER: Über DIESE Ereignisse mit Kindern sprechen?

Auch mir fällt es heute morgen schwer, gute Worte zu finden. Dennoch: Ich bin überzeugt davon, dass Kinder über solche Dinge am Besten von ihren Eltern hören. Daher schreibe ich diesen Artikel für alle, die überlegen ob oder wie sie mit ihren Kindern darüber reden wollen. Ich bleibe heute sehr bei mir, meinen Kindern und meinen Überzeugungen – und hoffe, dass es dem ein oder anderen hilft seine eigene Position und seine eigenen Worte zu finden.

Im Angesicht dieser Ereignisse sind wir alle nur Menschen. Ich schreibe nicht als Coach, als Pädagogin oder Wissenschaftlerin. Ich schreibe heute als Mutter für andere Eltern. Und daher nehme ich mir die Freiheit meine LeserInnen heute einfach mal zu Duzen – denn heute sind wir alle nichts als Eltern, die denselben Auftrag haben: Ihren Kindern helfen unaussprechliche Schrecken in einer unsicheren Welt zu begreifen und einzuordnen.

Der Artikel untergliedert sich in folgende Abschnitte:

1) Warum mit Kindern über schreckliche Ereignisse reden?
2) Was sage ich meinen Kindern über terroristische Anschläge – und vor allem WIE sage ich es??
3) Dürfen wir diese komplexen Ereignisse vereinfachen? Dürfen wir unseren Kindern vorgaukeln, die Welt wäre sicher?

Ich freue mich über Rückmeldungen unter feedback@marion-mahnke.de. Erzählt mir, wie ihr mit euren Kindern geredet habt und welche Worte in eurer Familie geholfen haben! Doch nun zur eigentlichen Frage:

1. Warum sollten wir wir mit Kindern überhaupt
    über diese schrecklichen Ereignisse reden?

Man könnte meinen, dass es besser wäre, die heile Kinderwelt möglichst lange zu bewahren. Kinder nicht mit Dingen zu konfrontieren, die schrecklich, grausam und unfassbar sind.

Aber: Sie kriegen es sowieso mit! Und besser, wir als Eltern steuern was als Erstes beim Kind ankommt. Nur dann können wir ihnen helfen, die Dinge richtig einzuordnen.

Wenn erstmal im Kindergarten oder der Schule Ängste oder Vorurteile geschürt werden ist es schwer gegenzusteuern. Zumal die Kinder oft nicht erzählen, was der Grund ihrer Angst ist, wenn sie abends im Bett liegen und die Kindergarten- oder Schulhofgespräche nachklingen.

Noch schlimmer aber ist es, wenn die Kinder „Gesprächsfetzen“ von Erwachsenen mitbekommen, die gar nicht für sie bestimmt sind. Oft formen sich aus diesen Teilgesprächen Bilder, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben. Wenn eine 11jährige etwa im Bus mitbekommt, dass einige Erwachsene sich sehr besorgt über den Terrorismus äussern und sagen, dass „man ja nirgends mehr sicher ist“, dann kann das sehr beängstigend sein.

Kinder bekommen sehr viel mit – aber können es noch nicht gut einordnen.

Daher – auch wenn es schwer fällt: Sprecht mit euren Kindern über die Ereignisse in Paris! Helft ihnen die Geschehnisse einzuordnen! Beugt Vorurteilen vor! Und vor allem: Helft ihnen zu verstehen, ob sie heute Angst haben müssen!

2. Was sage ich meinen Kindern über terroristische Anschläge –
    und vor allem WIE sage ich es??

Ich erzähl einfach mal, was ich meinen Kindern gesagt habe. In Schriftdeutsch aufgeschrieben klingt es etwas hölzern – am Frühstückstisch kommt es natürlich anders rüber. Aber ich verdichte das Ganze einfach, denn letztlich muss jeder den Inhalt ja doch in eigenen Worten widergeben, damit es authentisch ist.

Zunächst habe ich eine Situation gewählt, die undramatisch ist: Den Frühstückstisch. Es geht hier um etwas Schlimmes – aber es ist (für das kindliche Erleben) nicht so dramatisch wie der Tod eines nahen Angehörigen. Die Situation soll vermitteln: Das Leben geht weiter – es ist keine Katastrophe, die für euch persönlich Auswirkungen hat! Dann habe ich in etwa formuliert:

„Heute Nacht ist etwas sehr Schlimmes passiert. In Paris haben ein paar Leute Attentate begangen. Es sind Terroristen und sie haben dabei viele Menschen verletzt und getötet.Das ist eine schreckliche Sache. Aber ihr sollt wissen, dass das Dinge sind, die gelegentlich passieren. Genau wie Unfälle. Sowas ist schrecklich und kann passieren. Aber wir brauchen nicht davon ausgehen, dass es UNS auch passiert.

Terroristen wollen Aufmerksamkeit. Deshalb suchen sie sich meist Ziele wo die Menschen hinschauen. Berühmte Orte zum Beispiel. Oder eben Ereignisse wo Fernsehen und Zeitungen sowieso schon da sind um zu berichten.

Und sie wollen möglichst viel Schaden anrichten, damit die Menschen sich fürchten und Angst vor ihnen haben. Sie glauben, dass die Menschen dann das machen was die Terroristen wollen.

Gestern gab es ein wichtiges Fussballspiel in Paris. Die Terroristen wollten vermutlich den Ort angreifen, wo das Spiel stattfand. Weil da schon eine Menge Kameras waren und sie damit viel Aufmerksamkeit bekommen. Und weil da viele Menschen sind, denen sie schaden können und dann alle anderen auch Angst haben. Das hat Gottseidank nicht geklappt!

Die Sicherheitskräfte haben dafür gesorgt, dass das Fußballspiel sicher war. Deswegen haben die Terroristen an anderen Orten Attentate gemacht und Leute gefangen genommen. Aber sie konnten nicht so viel Schaden anrichten wie sie wollten.

Terroristen sind Verrückte. Deswegen kann man nicht verstehen wieso sie Angst und Schrecken verbreiten wollen. Manche denken, das hat was mit Religion zu tun. Das stimmt aber nicht. Manchmal wir von den Chefs der Terroristen Religion benutzt, um die Leute, die den Anschlag machen sollen zu beruhigen und zu kontrollieren. Die Chefs der Terroristen sagen dann: „Gott will, dass du den Anschlag machst. Wenn du dabei stirbst kommst du sofort zu Gott!“. Nur Verrückte glauben sowas! Die Attentäter machen solche Anschläge nicht, weil Gott das will, sondern weil sie verrückt genug sind ihren Chefs so einen Quatsch zu glauben. Die allermeisten religiösen Leute sind aber nicht verrückt, sondern ganz normal. Deswegen brauchen wir auch keine Angst vor Religion zu haben. Und wenn es Gott gibt, dann findet er solche Dinge bestimmt selbst total schrecklich! Das sagen auch alle Menschen die religiös sind ohne verrückt zu sein.

Das Ziel der Attentäter ist es einfach möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten. Und deswegen suchen sie sich 1) berühmte Orte oder 2) wichtige Ereignisse und 3) grosse Menschenmengen, damit sie viel Schaden anrichten können.

DESWEGEN können wir uns in unserem Alltag sicher fühlen. Euer Kindergarten und Eure Schule sind für diese Attentäter viel zu klein. Unsere Stadt ist für Attentäter gar nicht so interessant. Und hier finden auch keine Großereignisse statt.

Ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen: Die Wahrscheinlichkeit, dass sowas hier bei uns passiert ist sehr gering. Attentäter wollen sicher sein, dass sie großen Schaden anrichten und viel Aufmerksamkeit bekommen. Und deswegen suchen die sich andere Ziele aus als die Orte wo wir uns meistens aufhalten.

Aber: Es ist normal, dass man Angst hat, wenn solche Dinge passieren. Genau das wollen die Attentäter. Und deshalb ist das Beste was wir tun können: KEINE ANGST HABEN!

Was dabei hilft ist Folgendes:
1) Redet mit vernünftigen Erwachsenen darüber – nicht mit Kindern oder Menschen die ihr nicht gut kennt.
2) Denkt daran, dass es nur ganz wenige verrückte Menschen gibt. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die allermeisten Leute genauso normal und liebevoll sind wie wir selbst.
3) Erinnert euch daran, dass es zwar schlimme Schurken geben mag – aber dass da draussen auch viele Polizisten, Feuerwehrleute und Sicherheitsexperten echte Helden sind. Sie können nicht ALLE Attentate verhindern, aber sie sorgen dafür, dass sowas nur sehr selten geschieht.
4) Macht euch klar, dass Terroristen meistens Attentate machen, wenn viele Leute an einem Ort

3. Dürfen wir diese komplexen Ereignisse vereinfachen?
    Dürfen wir unseren Kindern vorgaukeln, die Welt wäre sicher?

Ich kann mir vorstellen, dass einige einwenden werden, dass dies doch arg vereinfacht ist. Dass in Israel und an vielen Orten der Welt Terrorismus eben doch zum Alltag gehört. Dass Großstädte jederzeit potentielle Ziele sind. Dass die Motive der Terroristen und die religiösen Hintergründe differenzierter betrachtet werden müssen.

Das stimmt. Aber hier geht es um Kinder. Und sicher: Es ist nicht akzeptabel die Dinge unzulässig zu vereinfachen – aber hier geht es nicht um wissenschaftliche Genauigkeit und allumfassende Korrektheit. Das KANN ich auch – es hilft bloß nichts, wenn man mit kleinen Leuten redet.

Ich habe hier versucht Worte zu finden, die meinen Kindern helfen. Worte, die die Gefahr, die hier für uns besteht nicht negiert – aber sie auf ein realistisches Maß reduziert.

Die Welt ist nicht völlig gut. Und wir können nie völlig sicher sein. Aber gilt das nicht auch für Unfälle, Krankheiten und andere schreckliche Ereignisse? Realismus und Optimismus ist das Einzige, was gegen übermäßige Angst hilft, die uns zu verschlingen droht, wenn solche Berichte die Medien dominieren.

Ja – wir müssen Differenzieren. Als Erwachsene. Doch Kinder verstehen das noch nicht. Deswegen tun wir das, was wir als Eltern tun müssen: Unseren Kindern die Sicherheit zurück geben!

Die Angst, die bei Kindern durch Presseberichte und Gespräche mit anderen Kindern oder Mitgehörtem bei Erwachsenengesprächen geschürt wird, ist oft unverhältnismäßig hoch. Entsprechend eindeutig dürfen wir ihr Grenzen setzen.

Denn sonst haben diese Terroristen ihr Ziel erreicht: Angst und Schrecken zu verbreiten!

Vielleicht können diese Attentate uns daran erinnern, wie wichtig es ist Aggression, Wut und Zerstörung Einhalt zu gebieten! Wenn wir durch diese schrecklichen Ereignisse lernen einander mehr zu schätzen, liebevoller und freundlicher miteinander umzugehen, miteinander zu trauern, zu lieben, zu lachen, dann hat der Terror nicht gewonnen. Nehmen wir ihm die Macht! Denn ob er uns das Fürchten oder das Lieben lehrt – das entscheiden immer noch wir selbst!

Das Leben geht weiter: Lasst es uns mit Vertrauen, Liebe und Anteilnahme füllen!

Ich wünsche Euch allen gute Gespräche mit Euren Kindern!
Behaltet den Mut und das Vertrauen in die Menschheit!
Und nehmt Eure Kinder heute Abend fest in den Arm!

Eure
Marion Mahnke