Lagerkoller! Wie ihr mit dem ungeliebten Gast in Corona-Zeiten zurechtkommt

Lagerkoller! Wie ihr mit dem ungeliebten Gast in Corona-Zeiten zurechtkommt

Von: Marion Mahnke, Pädagogin und Coach

Die Welt zieht sich ins Private zurück. „Bleiben Sie zu Hause“ lautet der Aufruf. Eltern versuchen im Home-Office ihre Aufgaben zu erledigen und die Familie zu versorgen, während Kinder ihre Freunde und Hobbys vermissen und Jugendliche versuchen den Unterrichtsstoff im „Home-School-Office“ zu erarbeiten. Familienmitglieder, die sich sonst nur wenige Stunden am Tag sehen, rücken in diesen Wochen zusammen, während der Kontakt zu Freunden, Kollegen und Fremden eingeschränkt wird. Oft platzt in solchen Situationen noch ein unbequemer Gast ohne Einladung herein: Der Lagerkoller.

Pfadfinder, Camper und Raumfahrer kennen das Phänomen genauso wie Menschen, die zwangsweise in Lagern oder engen Unterkünften zusammenleben müssen: Plötzlich knallt es. Meist unerwartet heftig und für alle überraschend. Wie aus dem nichts entsteht ein völlig unnötiger Streit.

Es ist üblicherweise eine Bagatelle, die den Funken liefert, der das Fass entzündet: Ein Wort, ein Satz, ein Blick – das reicht um unterdrückte Gefühle zur Explosion zu bringen und ruckzuck hauen wir uns Sätze um die Ohren, die so nie gemeint waren und dennoch eine Menge Porzellan zerbrechen können.

Schlimmstenfalls endet so eine Szene sogar in körperlichen Auseinandersetzungen – doch meist stapft einfach einer der Kontrahenten davon, um die größtmögliche Distanz zwischen sich und den anderen zu bringen. Je nach Alter, Naturell und Umständen starrt man aus dem Fenster, heult hinterm Sofa oder geht Holzhacken. Alle Beteiligten fühlen sich missverstanden – und verstehen sich selbst auch nicht.

Wenn ihr diese Szenen kennt – dann habt ihr den Lagerkoller in Action erlebt. In diesem Artikel möchte ich 3 verschiedene Aspekte beleuchten. Sie beziehen sich inhaltlich aufeinander, ihr könnt aber auch jeden Abschnitt separat lesen – folgt einfach den Links:

Inhaltsverzeichnis

  1. Wie kommt es zum Lagerkoller?
  2. Wie können wir vorbeugen und dafür sorgen, dass es nicht (so oft) knallt?
  3. Oh je – bald knallt’s! Tipps zum Druckabbau
  4. Zusammenfassung

1. Wie kommt es zum Lagerkoller

Was unterscheidet den Lagerkoller von einem normalen Streit? Das ist schwer zu erklären, denn erstmal sieht es wie ein normaler Streit aus. Und doch ist er anders.

Der Lagerkoller ist ein guter alter Bekannter von mir. Ich begegnete ihm zunächst in meiner Pfadfinderzeit als Teilnehmerin und konnte ihn später als hauptamtliche Gruppenleiterin häufig bei Freizeiten beobachten. Die meisten Menschen kennen die kleinere Variante während der Feiertage oder im Urlaub.

Immer dann, wenn wir mit Menschen über einen längeren Zeitraum eng zusammenleben und miteinander auskommen müssen, kann es krachen. Insbesondere in ungewohnter Umgebung oder bei besonderen Herausforderungen. Wenn Alltags-Routinen wegfallen und das Gehirn damit beschäftigt ist ungewohnte Situationen zu bewältigen, dann kann das zu einer besonderen emotionalen und psychischen Überanspruchung führen.  So wie es bei Jugendgruppen-Camps, auf Familien-Reisen oder eben auch in Krisenzeiten der Fall ist.

Auch heute noch campe und reise ich mit meiner Familie und Freunden häufig. Stets ist der Lagerkoller ein Gast, mit dem zu rechnen ist. Er kommt in den besten Familien und Freundeskreisen vor und selbst erfahrene Gruppen können ihn nicht verhindern – haben aber gelernt mit ihm umzugehen.Lasst uns zunächst schauen, was genau den Lagerkoller von einem normalen Streit unterscheidet:

„Koller“ ist ein althochdeutscher Ausdruck für „Wut“ oder „Zornausbruch“ notiert Wikipedia dazu. Beim Lagerkoller handelt es sich also um „eine plötzlich aufbrechende oder stille Wut, eine schwere psychologische Erregung oder psychische Störungen, die sich aus einer Umgebung oder Situation ableiten lassen“[1] zitiert die Online-Enzyklopädie aus dem „Lexikon Psychiatrie“[2] und führt weiter aus: „Er äußert sich bei einzelnen Personen in Angst, Wut, Verzweiflung, Überaktivität sowie depressiven Zuständen.“.

Halten wir also fest: Es geht bei diesen extremen Gefühlslagen und -ausbrüchen eher um die Situation als um die Sache. Oft erkennt man hinterher, dass dies Explosion eigentlich keinen richtigen Grund hatte, dass die Sache die so sehr eskaliert ist eigentlich eine Bagatelle war. Es ist lediglich ein emotionaler Überdruck, der sich Bahn gebrochen hat. Die Sache an sich ist nicht bedeutsamer für unser Leben als die Erlebnisse der Figur in einem Film, der uns mitreißt. Es mag Gefühle und Tränen auslösen, die durchaus echt sind – aber eben nicht wirklich bedeutsam. Diese Emotionen sind real – aber sie haben keine Ursache im realen Leben – wir dürfen sie also am Ende des Films einfach gehen lassen.

Bei einem normalen Streit geht es dagegen darum, dass Werte und Bedürfnisse oder Interessen und Ziele zweier Menschen gegensätzlich sind und daher eine nachhaltige Lösung erarbeitet werden soll. Bei Lagerkoller entstehen aus kleinen Differenzen, die man unter normalen Umständen gut tolerieren könnte, plötzlich Wutausbrüche, die völlig überzogen sind. Nicht die vermeintliche Differenz oder der unbedeutende Anlass sind Ursache für die Emotionen. Es ist die Situation, die emotional so stark aufgeladen ist und die so großen psychischen Stress verursacht, dass dieser Stress und diese Emotionen ein Ventil braucht: Einen ordentlichen Streit eben.

Idealerweise fungiert die Eskalation dann für alle als eine Art „Blitzableiter“ und reinigt Seele und Psyche. Üblicherweise taucht der Lagerkoller zwischen dem 3. und 5. Tag auf, wirbelt einmal das gesamte soziale Miteinander durch und verschwindet dann wieder, als wäre nichts gewesen. Die ersten Tage nehmen die Menschen sich noch zusammen, wenn sie durch die Situation, die Unvorhersehbarkeit und vor allem das Aufeinander-Angewiesen-Sein gestresst sind. Ab dem 3. Tag ist die anfängliche Gelassenheit jedoch aufgebraucht. Kleinere Ärgernisse haben sich summiert und es entsteht eine Reibung in der sozialen Interaktion. Man weiß noch nicht, was die anderen Mitglieder der Gruppe brauchen um sich wohlzufühlen, hat sich noch nicht aufeinander eingespielt, kann mit den Macken und Marotten des Gegenübers noch nicht umgehen und hat selbst auch keine Energie mehr die eigenen Macken und Marotten zu kontrollieren und keine Lust mehr eigene Bedürfnisse zurück zu stellen. Und da man sich nicht aus dem Weg gehen kann – knallt es …

Bei längeren Phasen der Isolierung einer Gruppe oder hohem emotionalen, seelischen oder organisatorischem Druck kann es häufiger zum Lagerkoller kommen. Zum Beispiel, wenn es im Zeltlager 10 Tage am Stück regnet, am Urlaubsziel eine Katastrophe nach der anderen geschieht oder unklar ist, wie es weitergehen wird.

Eine Situation, die wir gerade weltweit erleben: Wir alle sind noch sehr ratlos und unsicher, wie es mit der Pandemie weitergeht. Individuell müssen wir in unseren Familien organisatorische und teilweise existenzielle Probleme lösen, die wir zuvor so nicht kannten.

Wenn Gruppen gelernt haben, den Lagerkoller einzukalkulieren wird sein Besuch seltener und hinterlässt weniger Schaden. Manche Menschen und Gruppen sind anfälliger dafür, andere haben Techniken entwickelt damit umzugehen, vorzubeugen und ihn gelassen hinzunehmen, wenn er sich nicht vermeiden lässt. Darüber erfahrt ihr im nächsten Abschnitt mehr.

Das Wichtigste dabei ist: Den Lagerkoller zu erkennen und von echten Problemen zu unterscheiden. Nur so können wir verständnisvoll und wohlwollend miteinander umgehen, wenn die Gefühle verrückt spielen. Dann gelingt es, die Auswüchse in Grenze zu halten und dafür zu sorgen, dass aus dem Lagerkoller keine echten Probleme durch die gegenseitigen Verletzungen entstehen.

Je mehr Erfahrung wir mit dem Leben in engen Gemeinschaften und teilweiser Isolation haben, desto leichter fällt es uns, damit zurecht zu kommen. Kulturen, die umweltbedingt eng zusammenleben und Menschen, die in spirituellen oder beruflichen Gemeinschaften leben, haben gelernt, dass diese Spannungen normal sind.

Es ist wie bei einem Dampfkochtopf: Nicht das, was darin ist sorgt für den Druck, sondern die Begrenzung des Topfes und die Hitze darunter machen den Unterschied. Doch es gibt Möglichkeiten vorzubeugen bzw. das Phänomen klug zu handhaben: Ob es sich um die erfahrene Besatzung eines Schiffes handelt, den Winter in Lappland oder die Gemeinschaft eines Klosters – man kennt das, bleibt gelassen und achtet darauf, dass der Druck entweichen kann. Indem man eben keinen Deckel auf den Topf setzt – oder ein Ventil einbaut. Vor allem aber: Was im Zustand des Lagerkollers gesagt und getan wird, darf niemals überbewertet werden. „Lagerkoller eben!“ – ist denn auch der mildernde Umstand, der von erfahrenen Mitgliedern solcher Gruppen gelassen akzeptiert wird.

Niemand kann etwas für diese Gefühle und diese inneren Prozesse. Es ist schwer Ängste zu kontrollieren, Unsicherheit auszuhalten und neue Probleme gelassen zu bewältigen. Wenn dies allen Beteiligten bewusst ist und wir uns klar machen, dass diese Gefühle sich oft ungewollt Bahn brechen, dann können wir auch schwierige Zeiten gemeinsam bewältigen.

Es bleibt das gute Gefühl eine emotionale, seelische und organisatorische Herausforderung gemeinsam bewältigt zu haben. Das ist der Grund, weshalb Pfadfinder immer wieder gemeinsam auf Fahrt gehen und überzeugte Segler sich freiwillig erneut auf einen Törn begeben: Wir wissen zwar, dass es knallen könnte – aber wir wissen auch, dass diese Herausforderung dazu gehört und meist mit persönlichem Wachstum verbunden ist.

In diesem Sinne kann auch die Herausforderung „Corona“ ein ganz eigenes Abenteuer werden, das unsere Familien auf die Probe stellt und uns im besten Falle als Gemeinschaft zusammenschweißt.

2. Wie können wir vorbeugen und dafür sorgen, dass es nicht (so oft) knallt?

Erfahrene Lebens-, Reise- oder Arbeitsgemeinschaften haben gelernt, mit den besonderen Herausforderungen eines engen Zusammenlebens zurecht zu kommen.  Was können wir uns von ihnen abschauen? Gibt es Tipps, die helfen Frieden und Harmonie in einer Gruppe zu stärken? Und was können wir daraus für die Corona-Quarantäne-Zeit in unseren Familien ableiten?

I. Rückzugsorte und Gemeinschaftsbereiche

Gerade wenn wir räumlich begrenzt sind, ist es wichtig, Rückzugsmöglichkeiten zu haben. Auf der anderen Seite ist eine liebevolle und schöne Gestaltung der Gemeinschaftsbereiche ein wichtiger Aspekt. Wir brauchen Räume zum Kraft-Tanken und Beisammensein. Das kann die Küche ebenso sein, wie die Couchecke im Wohnzimmer.

Corona-Quarantäne-Tipp: Das eigene Zimmer, der Garten oder Balkon oder ein Spaziergang bieten die Möglichkeit physische Distanz herzustellen und einfach mal wieder den Kopf frei zu bekommen und allein zu sein. Doch auch das Versenken in die Arbeit am Laptop , ein Switch-Spiel oder die akustische Barriere durch Kopfhörer oder Gehörschutz durch Ohrstöpsel oder ähnliches können mentalen Abstand bringen.

Respektiere, wenn deine Mitmenschen sich physisch oder mental zurückziehen möchten. Vereinbart Arbeits- und Beschäftigungszeiten, in denen jeder ungestört für sich sein kann und grenzt Arbeitsplätze und -situationen optisch vom Familienalltag ab. Findet aber auch gemeinsame Zeiten und Tätigkeiten, die ihr gemeinsam gestaltet und achtet darauf den Ort in der Wohnung an dem ihr zusammenkommt, schön zu gestalten.

II. Bewegung und Arbeit

Körperliche Bewegung ist ein optimaler Weg, um Stress abzubauen. Für Kinder fällt Bewegung sogar unter die Grundbedürfnisse. Jede klassische Gemeinschaft – vom Segelschiff bis zum Kloster – ermutigt ihre Mitglieder zu körperlicher Anstrengung. Selbst in Elite-Internaten gilt sportliche Ertüchtigung als „Muss“. Der Grund: Bewegung sorgt dafür, dass Adrenalin und andere Hormone abgebaut werden können und reduziert so Streitigkeiten.

Corona-Quarantäne-Tipp: Wo immer es geht: Bewegt Euch! Holt das Trampolin raus, ladet euch Work-Out-Apps runter oder tanzt vorm Fernseher. Schwingt Euch aufs Fahrrad, macht ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund, bringt euren Kindern Gummi-Twist bei oder grabt den Garten um. Ermutigt vor allem die Kinder zu Bewegung – selbst wenn hinterher die Bude gemeinsam aufgeräumt werden muss. Dabei gilt insbesondere für Familien: Macht transparent, wann in eurer Familien-Gemeinschaft Bewegungszeit und wann Arbeitszeit ist.

III. Rituale und Regeln

Klare Abläufe helfen, den Überblick zu behalten. Sicherheit und Vorhersehbarkeit gehören zu den Grundbedürfnissen von Menschen. Deswegen hilft es, sich auf klare Tagesstrukturen und -abläufe zu einigen. Zu wissen wer welche Aufgaben hat und wann Arbeits- und Essenszeiten geplant sind und wann Freizeit oder Gemeinschaft angesagt ist, gibt uns ein Gefühl von Überschaubarkeit, Sicherheit und Klarheit.

Je nach Alter und Persönlichkeit möchten Menschen dabei mitgestalten und entscheiden. Das befriedigt ihr Selbstwirksamkeitsbedürfnis. Manchen Menschen reicht es aber auch einen klar vorhersehbaren Ablauf vorgegeben zu bekommen um sich sicher und geborgen zu fühlen.

Generell ist für ein enges Zusammenleben ein hohes Maß an Höflichkeit und Rücksichtnahme hilfreich. Auf der anderen Seite ist es aber auch wichtig Möglichkeiten zu schaffen eigene Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken.

Corona-Quarantäne-Tipp: Überlegt mit eurem Partner oder eurer Familie, wie ihr diese Zeit gestalten möchtet. Macht einen Tagesplan oder strukturiert euch anhand von Essenszeiten. Besprecht, wer welche Aufgaben in dieser Zeit hat.

 Führt Rituale ein. Wie wäre es z.B. mit einer gemeinsamen Kaffeezeit? Auch ein abendliches Familienspiel oder einen gemeinsamen Spaziergang am Morgen kann eine schöne Art sein um euch als Gemeinschaft zusammen zu finden und wertschätzend auszutauschen.

Besprecht, welche Regeln in dieser Zeit gelten. Zum Beispiel was Außenkontakte angeht, aber auch was ihr von den anderen Familienmitgliedern braucht um gut arbeiten und lernen zu können oder wer sich z.B. um Hund und Einkauf kümmert.

Wenn Kinder im Haushalt leben, versucht diese Regeln gemeinsam in einer Familienkonferenz zu erarbeiten und schreibt die Vereinbarungen auf. Gut ist es, wenn jedes Familienmitglied sie unterschreibt. Menschen kommen gut mit Regeln klar, die sie verstehen und mitgestalten.

IV. Gemeinsame Werte, Erfahrungen und Gemeinschaftsgefühl

Je homogener eine Gruppe ist, desto harmonischer das Zusammenleben. Je unterschiedlicher und individueller wir in Bezug auf unsere Werte, Lebensweise, Altersstruktur und persönlichen Bedürfnissen sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es knallt. Deswegen werden gute Gemeinschaften von gemeinsamen Werten getragen.

Am deutlichsten wird uns das in klösterlichen Gemeinschaften. Doch auch Camper, Segler, Familienbetriebe oder ganze Dörfer teilen ähnliche Werte und Ideale, Erfahrungen, eine gemeinsame Geschichte und eine individuelle Kultur.

Corona-Quarantäne-Tipp: In Familien leben Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen zusammen. Doch meistens lassen sich ein paar Grundwerte oder Ideale finden, denen sich alle Familienmitglieder verbunden fühlen. Diese Ideale können in dieser Zeit des engen Zusammenseins als Richtschnur oder Leitsterne fungieren.

Ein gemeinsames Motto könnte sein „Wir halten zusammen“ oder „Wir respektieren den anderen“ oder „Wir vertrauen einander“. Ob Spaß, Liebe, Humor, Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft: findet die Werte, die euch verbinden. Ihr könnt sie aufschreiben, eine Wort-Collage daraus gestalten oder ein Familien-Motto finden. Es reicht aber auch, wenn ihr euch einfach bewusst werdet, dass dies die Grundlage eures Zusammenlebens ist.

Gemeinschaftsgefühl kann eine Gruppe tragen und quasi das „Schmieröl“ in den zwischenmenschlichen Beziehungen sein. Erinnert euch an gemeinsame Erlebnisse, Ereignisse, die euch zusammengeschweißt haben oder euch gezeigt haben dass ihr zusammen gehört.

Pflegt individuelle Traditionen. Ob bei euch jeden Dienstag Pfannkuchen-Tag ist, nach dem Essen gemeinsam von Hand abgewaschen wird, der Abend nicht ohne Gute-Nacht-Kuss ausklingt – all das hält euch als Familie zusammen.

V. Das Achten individueller Bedürfnisse, unterschiedlicher Werte und Charakterzüge

Manchmal ist es schwer mit Menschen zusammen zu leben, die völlig anders ticken. Da mag das Gegenüber besonders viel Zuwendung oder Autonomie brauchen. Während mir Ordnung und Überschaubarkeit wichtig ist, mag meinem Partner Freiheit, Spontanität und Kreativität wichtig sein.

Wenn der Mama Leistungsbereitschaft und Konzentration wichtig ist, dann kann das mit dem Bedürfnis nach Bewegung, Action und Zuwendung der Kids in Konflikt geraten. (Selbst mein Hund versteht nicht, warum ich nicht den ganzen Tag mit ihm Spaziergehen und Toben kann, wo ich doch scheinbar nix zu tun habe als meine Zeit mit Online-Beratungen, Telefon-Coachings oder dem Schreiben von Artikeln zu verbringen…)

Wenn Menschen mit unterschiedlichen Werten zusammenleben oder zusammenarbeiten müssen, neigen sie dazu die Werte des anderen nicht ausreichend wertzuschätzen. „Ordnungssinn“ wird als „Pedanterie“ oder gar „Kontrollsucht“ missverstanden, während die schönen Werte „Spontanität“ oder „Kreativität“ als „Beliebigkeit“ oder „Chaos“ wahrgenommen werden.

Corona-Quarantäne-Tipp: Versucht auch die Werte der anderen Familienmitglieder als respektable Werte zu akzeptieren – selbst wenn ihr völlig anders tickt. Es ist gut, dass jeder Mensch anders ist. Und jeder hat seine Werte und Ideale aufgrund seiner individuellen Bedürfnisse und Geschichte. Verständnis und Akzeptanz sind hier die Schlüssel. Geht davon aus, dass diese Dinge dem anderen aus persönlichen Gründen wichtig sind – und dass er nicht darauf besteht, um die anderen zu ärgern.

Denkt daran, dass jeder Mensch Grundbedürfnisse hat, die befriedigt werden müssen, ehe er wohlwollend an andere Menschen denken kann. Achtet auf genügend Schlaf, Ruhe, und Bewegung. Vergesst nicht, ausreichend zu trinken und regelmäßig zu essen – denn häufig bemerkt man gar nicht, dass man durstig ist und das Gehirn dann nicht gerade bereit ist wohlwollend und kreativ über Lösungen für schwierige Situationen nachzudenken. Viele Familienmitglieder nehmen üblicherweise ihre Mahlzeiten wochentags in Kantine, Kindergarten und Schule ein. Hier muss sich ein neuer Rhythmus finden.

Einigt euch auf einen gemeinsamen Level von Ordnung und Sauberkeit, der für alle Mitglieder des Haushalts erträglich ist und überlegt, wie jeder dazu beitragen kann. Wenn plötzlich alle Familienangehörigen daheim sind, entsteht viel mehr Haushaltsarbeit als üblich, die auch fair verteilt werden muss.

Zeiten intensiven Beisammenseins können Konflikte schüren. Das enge Zusammensein und die begrenzten Möglichkeiten dem anderen auszuweichen spiegeln uns unsere eigenen Werte, unser Verhalten, unsere Schwächen und unseren Charakter. Das bietet aber auch die Chance auf persönliches Wachstum. Wir lernen, unsere Werte und Bedürfnisse zu formulieren und auf die anderer einzugehen. Am Ende der Reise haben uns die gemeinsam bewältigten Herausforderungen im besten Fall als Familie und Gemeinschaft neu zusammengeschweißt und gemeinsame Erinnerungen geschaffen, auf die wir künftig bauen können.

3. Oh je – bald knallt’s! – Tipps zum Druckabbau

Wir haben gesehen, dass Stress und Angst zu Emotionen führen können, die in Form eines Lagerkollers eskalieren können – aber nicht müssen. Hier ein paar bewährte Tipps und Ideen, was man tun kann, um etwas Druck aus dem Dampfkochtopf abzulassen. Der eine braucht Bewegung, der andere muss produktiv werden oder kommt mit aktiven Entspannungstechniken am besten zurecht. Im Folgenden eine Sammlung von Impulsen für die verschiedenen Arten Druck abzubauen.

Ich hoffe für jeden Typ sind hilfreiche Anregungen dabei und freue mich auf weitere Ideen meiner LeserInnen in den Kommentaren:

„Ich-geh-jetzt-mit-dem-Hund!“ –  Bewegung

Bewegung ist für alle Altersstufen eine gute Möglichkeit Druck abzubauen. Von Kissenschlacht bis Senioren-Gymnastik: Wer sich bewegt baut Stresshormone ab. Ein paar Anregungen gefällig?
Kinder (und Eltern): Trampolinspringen, Seilhüpfen, Ballspielen, Gummi-Twist, Treppensteig-Wettbewerb, Kissenschlacht, Nicht-den-Boden-berühren, Konsolen-Sport-Spiele, Tanzen zu Bewegungsliedern, Spaziergänge, Action im Wald
Jugendliche und Erwachsene: Work-Out-Apps, Radfahren, Joggen, Gartenarbeit, Konsolen-Sport-Spiele, Tanzen im Wohnzimmer, Trimm-Dich-Pfad, Keller-Aufräumen, Hometrainer, Spaziergänge
Senioren: Progressive Muskelentspannung, Senioren-Gymnastik, Spaziergänge, Radfahren

„Ich muss jetzt was machen!“ – Druckabbau durch Produktivität und Gestalten

Putzen, Aufräumen, Kochen, Basteln, Malen, Garten-Arbeit, Blumen-Eintopfen … bei all diesen Tätigkeiten spüren wir unsere Selbstwirksamkeit in besonderem Maße. Dinge zu gestalten, zu reinigen oder in Ordnung zu bringen ist beruhigend und baut somit Stress ab.

„Hast du was gesagt?“ – Konzentration und Herausforderung

Wenn ich mich ganz auf eine Aufgabe konzentriere, dann wird der Kopf frei von Sorgen und Stress. Viele Menschen entspannen sich daher bei Tätigkeiten wie Stricken, Basteln oder dem Lösen eines Puzzles. Auch das Sortieren von Dingen, Knobel- und Denkspiele, Sodoku, Kreuzworträtsel oder das Lösen komplizierter mathematischer Gleichungen kann uns helfen, ganz in einer Aufgabe zu versinken und den Kopf so frei machen. Doch schaut auch einfach mal in euren Spieleschrank: Da finden sich gewiss Karten- und Brettspiele, die längst mal wieder abgestaubt gehören! Falls nicht: Schiffe versenken, Stadt-Land-Fluss und Tic-Tac-Toe brauchen nur Stift und Papier und bieten ebenfalls gemeinschaftlichen Spielspaß.

„Ich bin ruhig und entspannt …“ – Aktive Entspannungstechniken

Um aufkommendem Stress aktiv zu begegnen eignen sich auch bewährte Entspannungstechniken. Im Internet und auch in den App-Stores gibt es gute Anleitungen zum Beispiel für die Muskelentspannung nach Jakobsen, Autogenes Training, Meditation, Yoga.
Auch eine ausgiebige Dusche oder ein Wannenbad können helfen, sich zu entspannen.

„Atme 3 Mal tief durch!“ – Singen, Atmen, Musizieren

Atmen löst Stress. Hier gibt es auch viele gute Atem-Meditationen und -übungen im Internet zu finden. Das Einfachste ist aber: Sing mal wieder! Ob Schlager, Kinderlieder oder Chor-Stück spielt dabei keine Rolle. Singen ist gesund für den ganzen Körper, baut Stress ab und macht fröhlich. Das gilt auch fürs Musizieren.

„Nimms mit Humor!“ – Haltung und Verständnis

Eine gelassene Grundhaltung hilft uns Stress zu vermeiden und entspannt zu bleiben. Ja – wenn wir mit anderen Menschen eng zusammenleben ist es oft hart ihre Macken und Marotten zu ertragen. Noch schwerer ist es oft die eigenen zu akzeptieren.

Ja – vielleicht erwischt auch dich oder mich der Lagerkoller. Das passiert. Nimm es mit Humor und bleib entspannt. Du hast gemerkt, dass ich den Lagerkoller wie einen ungeliebten Verwandten betrachte. Ich muss ihn nicht sonderlich mögen – aber er gehört halt dazu. Wie der fiese Gegenspieler in meiner Lieblingsserie, den es nun mal geben muss, damit es spannend wird.

Und so lasst uns einerseits liebevoll uns selbst gegenüber sein und verständnisvoll mit unseren Mitmenschen umgehen, wenn die Emotionen hochkochen. Wenn Druck im Kessel hoch ist, dann kann Humor ein perfektes Ventil sein, um ihn abzulassen … Und falls das nicht gelingt, hilft Humor uns beim Aufwischen der Bescherung, wenn der Dampfkochpott doch explodiert ist …

4. Zusammenfassung

Der Lagerkoller ist kein echter Streit. Er entsteht aus einem Mix aus Emotionen, die aus der Situation entstehen und der Begrenzung persönlicher Freiheiten, so dass eigene Bedürfnisse zu lang zurückgestellt werden. Wir können die Gefahr eines Lagerkollers aber reduzieren, indem wir einander Rückzugsmöglichkeiten gewähren und die Bedürfnisse und Werte der Einzelnen im Blick behalten. Außerdem sollten alle Möglichkeiten des Stressabbaus durch Bewegung, Ablenkung und aktive Entspannung genutzt werden.Knallt es dennoch, gilt: Was aufgrund von Lagerkoller gesagt wird ist meist nicht so gemeint, wie es gesagt wird. Wut, Ärger, Verzweiflung oder Frust haben wenig mit dem Gegenüber zu tun, sondern sind Reaktionen auf die Enge, die Angst, die Unsicherheit, den Stress oder die Belastung durch die Organisation und die Anpassung an die Herausforderungen der Situation. „Es ist nicht so gemeint – es ist nur der Lagerkoller.“ – dieser Gedanke hilft mit den emotionalen Ausbrüchen zurecht zu kommen. Betrachtet den Lagerkoller einfach als den „komischen Onkel, der irgendwie dazugehört“. Das Beste was wir mit ihm machen können: Akzeptieren, dass er eben manchmal Stress macht und ihm ansonsten nicht allzu viel Bedeutung schenken.

Wenn wir das im Blick behalten, dann gelingt es uns, den Druck zu akzeptieren und ihn in die richtigen Bahnen zu leiten. Dann gehen wir Holzhacken, Kochen einen Eintopf, räumen die Küche auf oder veranstalten ein Tauziehen im Garten, wenn wir uns abreagieren müssen. Wir bewahren eine gelassene Grundhaltung und können wohlwollend mit unseren eigenen überzogenen Emotionen und denen unserer Mitmenschen umgehen.

Lasst uns versuchen, die Zeit mit unseren Lieben zu genießen. Nutzen wir sie um einander -und uns selbst- besser kennen zu lernen und diese Herausforderung gemeinsam zu bewältigen!
Und nun: Schreibt mir! Ich freue ich mich auf Eure Kommentare, Ideen und Feedback. Was habt ihr für Erfahrungen ihr mit dem Lagerkoller gemacht habt? Was sind Eure besten Tipps um damit umzugehen?

Eure
Marion Mahnke

Zur Autorin
Marion Mahnke ist Dozentin und Coach. Die Pädagogin und Religionswissenschaftlerin blickt auf eine langjährige Berufserfahrung in der Beratung und Begleitung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zurück.

Seit 2014 hilft sie als Freiberuflerin privaten Klienten in allen Aspekten der beruflichen und persönlichen Entwicklung und leitet Seminare für Bildungsträger und Betriebe. Sie begleitet ihre KlientInnen ganz nach Bedarf persönlich oder als virtueller Coach in Form von kompetenter Online-, Telefon- und Videoberatung.

Zu ihren Schwerpunkten gehören Work-Life-Balance, Kommunikation in schwierigen Situationen, Resilienz und Stress-Management, sowie der Umgang mit herausfordernden Lebenssituationen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Lagerkoller

[2] Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie, Urban & Fischer Verlag 2007. S. 295

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